03/08/2213: Beamen, Stilzen, Walken, Flyken u.a. – telepathischer Mobilitätstalk

h: 4:13-4:29 – Telepathischer Talk auf Channel 610 mit Gioya Gutani, moderiert von Frilka Lundeik:
„Für alle, die sich dazu geschaltet haben: Ein herzliches Willkommen, ganz besonders natürlich Dir, Gioya. Vielleicht kennt ihr Gioya Gutani schon. Sie ist Bewegungshistorikerin und wird  jetzt ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern über menschliche Fortbewegungsmittel – insbesondere unseren Hauptmover: das Beamen.

Beamen: Collage // Foto + 3D Artwork: Beamstop on a harbour

BeamPort // Artwork: yuyun   CC BY-NC-SA

Ihr könnt Euch gern mit parallel gefundenen Infos, Erinnerungen und Images beteiligen. Verbale Fragen und Anmerkungen bitte erst nach dem Talk. Gioya, der Channel ist Deiner“:

Stilzen: RoboTubeMoves (RTM)

Falls mich einige noch nicht kennen: Ich bin Erdmensch und Urberlinerin. Als Bewegungshistorikerin begleite das Thema Bewegungswandel seit 49 Jahren. Frilka, Du möchtest etwas zu unseren aktuellen Fortbewegungsformen wissen und warum wir uns für Beamen oder Teleportation als Hauptfortbewegung entschieden haben.
Anfangen möchte ich mit unserem Robotic TubeMove-Netz. Damit transportieren wir unsere Kranken und heikle Frachten. Für Akutkranke und bestimmte Objekte ist Beamen einfach immer noch zu riskant.
Das RTM ist ein Röhrensystem, das satellitengesteuert autonom durch die Landschaft stilzt (angelehnt an das alte Wort „Stelzen“, Anm. d. R.). Oh sier, wie oft habe ich mir schon an den Andockknöpfen im Boden die Zehen gestoßen. Es war schon eine geniale Idee, einen vorrauseilenden Materialverdichter zu entwickeln, der per Unterdruck den Transporter immer auf dem passendsten Weg durch die Landschaft dirigiert. Nur lockern könnte sich das Material schneller.

Beamen: Krankentransporte 2213 // Artwork by yuyun: Collage: Foto + 3D-Artwork

RTM-Route // Artwork: yuyun   CC BY-NC-SA

Walken

Wir gehen auch sehr gern zu Fuß – wie unsere Urahnen. Mensch kann dabei so wunderbar dieses Habitat beobachten. Seine Prozesse sind nicht zielgerichtet und ihre Geschwindigkeit ist jeweils schwer vorhersagbar, daher haben wir uns das langsamste Fortbewegungsmittel erhalten. Wir beobachten unser Habitat einfach gern. Wir können lange laufen. Tun unsere Füße weh, laufen wir einfach im Kopfstand weiter. Das macht Spaß. Die Variante eröffnet völlig neue Perspektiven. Im Alltag ist aus Zeitgründen allerdings eher Beamen angesagt.

Flyken

Es gibt natürlich auch das Flyken (Anm.d. R.: Fliegen kombiniert mit (e-)Biken). Es ist inzwischen eher ein Funfaktor geworden, weil auch dafür oft die Zeit fehlt. Und dummerweise ist es eine mittlere Umweltsauerei wegen der leidigen Material- und Energieschlacht, die diesen zweirädrigen Fly-Bikes anhaftet. Aber das Fortbewegen damit macht unglaublich Spaß. Die Gefährte sind so vielseitig. Sie lassen sich zu Wasser, in der Luft oder über Land pedalieren oder per Turboboost fliegen oder schwimmen. Und denkt nur an ihre Segeleigenschaften? Einfach traumhaft. Es ist purer Luxus, klar, aber was wär das Leben ohne ein Hauch Luxus?

Beamen: Urlaubsfotos kollagiert mit 3D-Artwork

Flyk-Trip // Artwork: yuyun   CC BY-NC-SA

Die dunklen Jahre: graue Beton-Schlangen

Wie wir zum Beamen gekommen sind? Das lag auf der Hand. Es war eine der wenigen Optionen, die in den dunklen Jahren der Menschheit einen Ausweg aus der Misere der Erdzerstörung boten. Ihr habt zu den dunklen Jahren gescannt? Oder darüber infiltriert? Oh je, war das ein Mist. Die Menschheit hatte es sich gemütlich gemacht und den Respekt vor den Prozessen des Planeten verloren. Mehrrädrige Fahrzeuge rollten und schlitterten über den Boden, verfestigten und versiegelten ihn.

Beamen: Higways in Wald

Foto: Clay Banks   Unsplash

Ja genau, alte Pics zeigen es noch: Die nannten diese grauen Schlangen da Straßen – betonierte Pfade in der Landschaft, die den Planeten nicht atmen ließen. Auch die sogenannten Schienen waren nicht ohne. Und erst die Schadstoffe, die all ihre Gefährte ausstießen, unglaublich. Die Menschen in der Zeit hatten einfach noch nicht begriffen, wie sehr sie den Planeten damit veränderten – noch dazu massiv zu Ungunsten der eigenen Spezies. Erinnert ihr euch an das, was sie „Flugtaxis“ nannten? Oh Cerebris, was für eine sinnlose Lärm- und Umweltbelastung.

Die dunklen Jahre: Material- und Energieschlacht

2038 standen die Menschen jedenfalls vor dem großen Kollaps. Klar, der kam nicht nur von der Mobilität, aber eben auch. 19% der damaligen Treibhausgasemissionen kamen vom Verkehr. Und sie wuchsen trotz sogenannten Gegenmaßnahmen kontinuierlich. Die zusätzlichen Emissionen der Digitalinfrastruktur waren da nicht mal rein gerechnet. Der Schwenk zur hochvernetzten automatisierten E-Mobilität verlagerte die Problematik letztlich nur.
Statt dem CO²-Ausstoß durch Verbrennung fossiler Treibstoffe, stieg der Stromverbrauch exorbitant. Die Verkehrs- und Vernetzungsleistung wuchs und wir leisteten uns immer größere unausgelastete Vehikel. Wir mussten weiter auf (Atom-)Strom aus fossilen Ressourcen setzen. Die regenerativen Quellen reichten für diese Verschwendung einfach nicht und ließen sich zudem nicht angemessen bündeln.Diagramm des UBA, das die seit 30 Jahren fast unveränderten Treibhausgasemissionen des Verkehrs zeigt

Dazu kamen der immense Materialbedarf für die Digitalinfrastruktur und die vielen schweren Bauteile der Vehikel. Alles wurde ohne Blick auf die Zukunft verbaut und ließ sich natürlich nicht adäquat im Ressourcen-Kreislauf halten. Auch hier: ein kontinuierlicher Verbrauch fossiler Rohstoffe – ein Desaster. Und diese permanente Zeit- und Geldverschwendung; heut wär das alles nicht mehr denkbar.

Shapeshifter & Orbital-Lifts

Shapeshifter: Change your Shape, ScootyErinnert ihr euch an die Entwicklung der Shapeshifter, die sich auf unterschiedliche Art und im Convoi bewegen konnten? Die autark unbewohnte Gegend erkunden sollten?

Oder die Lifts, die zum Mond etc. führten? Wahnsinnssache, technisch herausragend. Leider war die Entwicklung letztlich nicht vereinbar mit den Anforderungen der Planeten. Nach Ausrollen der 3. Prototypenserie wurde das Projekt gestoppt.

Beamen: Orbit-Lift by Terra X, ZDF

Video: ZDF, Terra X   CC-BY 4.0

Diese Lifts hätten sogar noch den Raubbau an anderen Planeten wie Mond oder Mars eingeläutet. Außerdem waren sie recht unsicher wegen des vielen Mülls, der um die Erde kreiste. Von den Endhaltestellen, war ein Wegkommen schier unmöglich, ohne sich die ein oder andere Beule zuzuziehen.

Muskelschwund beim extraterrestrischen Pendelbeamen

Ach, dabei fällt mir ein: Was macht Dingalog, Frilka? Wachsen seine Mondgurken endlich anständig? Kommt er inzwischen besser mit dem Pendelbeamen zwischen den Habitaten zurecht? Oder nimmt es ihn immer noch körperlich so mit? Lass uns das nachher zu zweit besprechen. Wenn der Telepathieschannel sich geschlossen hat. Das war schon eine echte Errungenschaft, dass wir den Muskelschwund außerhalb der Erdathmosphäre endlich in den Griff bekommen haben. Leider bleibt zu dem Thema immer noch einiges zu tun. Nach wie vor wird das Gehirn bei vielen zu sehr in Mitleidenschaft gezogen.

Drehmpulsquanten der schwarzen Materie

2095, da kam der Schwenk zu echter Nachhaltigkeit; auch in der Fortbewegung. Klar, alternative Bewegungsformen waren zu der Zeit endlich halbwegs machbar, begannen sicherer zu werden und schneller. CERN hatte unglaublich großartige Vorarbeit dazu geleistet. Die bahnbrechenden Entdeckungen in der Quantenmechanik und die geniale Idee, die Drehimpulsquanten der schwarzen Materie zu nutzen, um den Wahnsinnsenergieaufwand des Beamens auszubalancieren, klingelt’s da bei Euch? Wären die nicht gewesen, hätten wir vermutlich nur noch zu Fuß gehen können. Die spannenden technischen Details könnt ihr im Terrawiki scannen.
Ein Riesenproblem war der Quasiselbstmord bei jedem Ortswechsel, ein anderes der exorbitante Energieaufwand. Er hätte unsere Lieblingskartoffel leider völlig verbrannt.

Video: Ingo Berg via Wikimedia Commons   CC-BY-SA 3.0

Waren das Zeiten, als der Prozess der Zerlegung auf Molekularebene und die Wiederzusammensetzung noch über einen Tag gedauert haben. Permanent wurde mensch übel dabei. Verbrennungen beim Scannen waren quasi an der Tagesordnung. Auch die radioaktive Belastung, die beim Zellinfo-NMR entstand, machte einige ernsthaft krank.

Beamen: kleine Entwicklungsanekdote

Ab 2122 war mein Vorfahre bei der Anwendungssentwicklung dabei. Das waren bunte Zeiten. Sier erzählte immer gern davon, wie einmal ein Fuß im Jemen präpariert und mit Telekopter schleunigst nach Indien geflogen werden musste. Zum Glück hatten sie den Organ-Anwachsprozess dank des kreativen Einsatzes der CRISPR-Methode so gut im Griff, dass die Testerin nicht mehr ewig ins Krankenhaus musste – mehr Details dazu gern in einem anderen Talk.

Gen-Info-Daten-Wildwuchs

Wisst ihr, was das eigentlich Ausschlaggebende im Jahr 2095 war, damit wir die ganze Fortbewegung endlich mit den Möglichkeiten auf der Erde vereinbaren konnten? Wir änderten die Prinzipien der Vernetzung und unser Mindset grundlegend.

Zum besseren Verständnis hole ich kurz aus: Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war eine hochriskante Spielerei: Die Forschung hatte seit 2004 damit geliebäugelt, DNA und Bits zu kreuzen. Diese Idee war insgesamt die heikelste, die die Menschheit bis dato gehabt hatte – hochgradig gefährlich. Die Komplettzerstörung unserer Spezies und des Habitats waren nie näher.
Dem Gen-Info-Daten-Wildwuchs musste dringend Einhalt geboten werden. Sowohl die Sammelwut sogenannter Tech-Konzerne, als auch die ungerechte Verteilung, als auch die fragwürdigen ungeregelten Besitzverhältnisse und last but not least das rein neugierbasierte Handling – das alles konnte nicht so weitergehen. Irgendwann hatten das sehr viele begriffen und es passierte etwas, für das die Spezies Mensch bekannt ist und was sie liebenswert macht:

UN-Charta der Menschenrechte und -pflichten

die 17 Ziele der deutschen NachhaltigkeitsstrategieWir schlugen einfach ganz neues Kapitel für unsere Weiterentwicklung auf. Statt den strengen Hierarchien, die Gesellschaften und Maschinen zu der Zeit noch brauchten, entschieden wir uns flache Hierarchien einzuführen. Parallel nahmen wir Selbstreflektion, Einfühlungsvermögen und Eigenverantwortung in die UN-Charta der Menschenrechte und -pflichten auf.  Logo für Menschenrechte
Es gab schon jahrhundertelange Vorentwicklungen und Überlegungen zur Implementierung dieser Pflichten und Strukturen. Deswegen ließ sich auch alles erstaunlich schnell umsetzen. War ja auch höchste „Eisenbahn“, wie die Altvorder*innen zu sagen pflegen.

suffizientes Zirkulär-Prinzip

Der Umbau der Hierarchien und die Erweiterung der UN-Charta war aus einem weiteren Grund ein Super-Kniff. Wider Erwarten ließ sich dadurch der Kapitalismus stoppen. Damit kippte das Profitdenken und Commons-orientierte Ideen für viele Bereiche – nicht nur für FortbewegungBeamen: Suffizientes Zirkulärprinzip, Kollage by Yuyun – ploppten wie Pilze aus dem Boden. Eine ganz abgefahrene Zeit. Wir verabschiedeten uns vom Schnell-Höher-Weiter-Prinzip und führten stattdessen das suffiziente Zirkulär-Prinzip ein. Genau deswegen organisieren wir heute alles dezentral und open source. Und die Daten, Informationen und deren Infrastruktur gehören allen. Mit den DNA-Infos gehen wir sehr behutsam um. Unsere fragile Erdkartoffel dankt es uns. Mensch kann es sich doch gar nicht anders vorstellen, oder?

Beamen: energetisch ausbalanciert, dezentral & Open Source

 Neben den quantenmechanischen Erfindungen waren diese grundlegenden gesellschaftlichen Umstrukturierungen für das Beamen ein eklatanter Entwicklungssprung. Ich würde sagen: DER initiale Sprung. Die durch das NMR entstehenden Daten bleiben in der Hand jede:r Einzelnen. Für deren temporäre Lagerung ist jede:r selbst verantwortlich. Ohne diese Voraussetzungen hätten sich viele ganz nicht erst scannen lassen. Die Methode spart unglaublich viel Strom und Speicherkapazitäten. Bits und DNA wandern nicht mehr mehrfach um die Welt, bevor sie am Ziel sind. Sie müssen auch nicht auf Vervielfachungen überprüft werden. Alles wird so direkt und sparsam wie möglich übertragen. Dezentralisierung und Open Data und Source waren wichtige Gamechanger.

Berliner BeamBetriebe (BBB)

Heute ist das Beamen daher unser Hauptfortbewegungsmittel – sogar in Berlin. Die Strecken sind zwar kurz, aber es ist notwendig. Es verlangt einfach keine gebaute Infrastruktur wie Wege, Organisationszeichen (Anm. d. R.: Verkehrszeichen). Durch deren Abwesenheit sparen wir unglaublich Ressourcen und haben wir mehr Platz für Grünflächen. So können wir um so mehr Menschen in unserem wunderbaren Habitat beherbergen.Wie ihr wisst, ist die Warteliste für die Wohnmorphungen quasi unendlich.
Ein paar Dinge ändern sich einfach nie: Wohnraum bleibt anscheinend immer knapp.