Connected Mobility: die Rebounds der AVs

Gestern schlängelte ich mich mal wieder mit dem Rad durch die Friedrichstraße. Vor mir auf dem Bürgersteig balancierte jemand einen Arm voll Kartoffeln. Dummerweise kullerte eine auf die Straße. Achtlos fuhr ein Auto drüber. Kartoffelpüree verteilte sich auf dem Asfalt. Darauf zeigte der Kartoffelträger wütend den Stinkefinger. Das Auto war natürlich längst weg.

Die Rebounds der AVs, eine Kartoffel verfremdet, hyperrealistisch / yuyun, form:f - critical design

Stoppen für eine Kartoffel? Undenkbar. Nur: Ist es in Zeiten von neuen kleveren Vernetzungsmöglichkeiten immer noch notwendig, dass sich Blechlawinen durch die Innenstädte quälen? Anscheinend, denn statt die Blechmonster von den (urbanen) Straßen zu verbannen, setzen die Tech- und Automotive-Industrien gerade die Segel, den motorisierten Individualverkehrs zu stärken.

Traumland Norwegen, the dark side

Der E-Auto-Boom des ölexportierenden Landes hat seine Schattenseite. Es verzichtet auf Besteuerung der E-Mobile. Sie sind dadurch günstiger als Benziner. Zusätzlich sparen die stolzen e-Fahrer:innen Maut-, Park- und Fährgebühren. Der Vorteil der Einzelnen wird zum Nachteil der Gesellschaft. Denn der Staat spürt die monitären Auswirkungen inzwischen empfindlich. Nun heißt es, möglichst klever gegenzusteuern und Gebühren etc. wieder vorsichtig zu heben. Es gilt zu verhindern, dass die User:innen abspringen, wie bei vielen Subventionsprojekten. Denn die Bevölkerung fährt elektrisch, weil es billig ist und nicht, weil ihr das Klima wichtig ist.

Ein ganz anderer blöder Nebendeffekt: Staus auf Busspuren. Der ÖPNV und Radverkehr leidet. Das Problem findet im allgemeinen Begeisterungsrausch kaum Beachtung. Am Modal Share mancher Städte wird langsam die neue Autofokusierung sichtbar. Warum Bus, Bahn oder Rad bemühen, wenn der vierrädrige Chauffeur doch vor der Tür steht? Sein Strombedarf ist auf Grund der Größe der geliebten SUVs oft wirklich hoch, aber c´è  la vie: Bequemlichkeit und Komfort haben eben ihren Preis. Auch werden Klagen der Menschen laut, die sich die schicke neue Mobilität nicht leisten können.

Die Rebounds der AVs, drei Kartoffeln verfremdet, orange + blau / yuyun, form:f - critical designDie Rebounds der AVs, zwei Kartoffeln verfremdet, lila + grün + rot / yuyun, form:f - critical designDie Rebounds der AVs, eine Kartoffel verfremdet, blau + gelb / yuyun, form:f - critical design

Gut oder gutgemeint?

Norwegen ist ein schönes Praxisbeispiel für Ideen, die sich bei Erfolg eben nicht nur als gut, sondern Rebounds erzeugen und sich als „gutgemeint“ herausstellen. Die Norweger erkaufen sich ihre beeindruckende Umweltbilanz auf Kosten der Natur, anderer Länder und ihrer Staatskasse. Die ärmeren Bevölkerungsteile bleiben zudem außen vor.

Ebenso wie e-Automobilität pushen Industrien autonomes Autofahren. Jährlich stecken sie horrende Summen in die Entwicklung von AVs. Andere vernetzte Mobilitätprojekte müssen sich mit Peanuts begnügen. Die EU sieht die Entwicklungen kritisch (Pdf). Sie kommt allerdings kaum mit Regulierungen hinterher. Deutschland erledigt zwar gesetzgeberisch seine Hausaufgaben(Pdf), zeigt aber wenig Interesse den Markt einzuhegen. Ein Gutachten des BMVI von 2017 empfiehlt: Industrie wenig regulieren und Risikoanreize bieten (Pdf). Tut sich da nicht auch die Falle von „gutgemeint“ auf?

Brummi-Konvois remote gesteuert

Doch erstmal ein Blick auf den Entwicklungsstand. Fangen wir mit dem Segment autonome LKWs an. Die Ideen rund um die Brummis klingen auf den ersten Blick sinnvoll. LKW-Fahrer:in ist ein Knochenjob. Die Umweltbilanz dieser Transportmethode ist deutlich suboptimal(Pdf). Autonom Fahren mit Platooning scheint daher eine Superidee zu sein. Die Fahrzeuge fahren dichter und gleichmäßiger. Das spart Straßenland und Treibstoff. Außerdem fallen nur noch Lohnkosten für maximal einen Menschen an; und das nur übergangweise. Denn der Zug ist nur in unerwarteten unübersichtlichen Situationen auf eine just-in-time Entscheidung der/des Fahrer:in angewiesen.

Die Rebounds der AVs, eine Kartoffel verfremdet, oker + rot / yuyun, form:f - critical designDie Rebounds der AVs, zwei Kartoffeln verfremdet, schwarz-weiß / yuyun, form:f - critical designDie Rebounds der AVs, drei Kartoffenl verfremdet, pink + grün / yuyun, form:f - critical design

Die „minderkomplexen“ Entscheidungen haben Softwareingenieur:innen schon im Vorfeld getroffen und als Routine implementiert. Und wenn die/der letzte Fahrer:in in Rente geht, lässt sich der Konvoi remote-steuern. Parallel werden die Kolosse elektrifiziert. So freut sich die Umwelt um so mehr.
LKWs sind recht unbemerkt in die Erprobungsphase gerollt und kommen ganz unspektakulär besonders auf Autobahnen zum Einsatz. Kritik wird allenfalls laut, weil nicht geklärt ist, wo die ganzen Menschen hin sollen, die Arbeit brauchen, aber nicht in der Lage sind, digitale Jobs zu bewältigen. Soziale Rebounds sind vorprogrammiert.

Rebounds: Von Leerfahrten und Verkehrslawinen

Die PKWs rollen dagegen mit Pauken und Trompeten in die Köpfe. Dem Marketing der involvierten Industrien zufolge, sind sie quasi universelle Heilsbringer. Sie ermöglichen kleinteilige On-Demand-Mobilität, schonen die Umwelt und machen die ganze Gesellschaft schlichtenunabhängig beweglich.
Bei so viel Optimismus lauert an der Ecke natürlich schon der Argwohn. 2016 befasste sich `heise´ mit der drohenden Verkehrslawine. Im Gutachten von 2017 stellt das BMVI in Nebensätzen fest, dass die Gefahr von noch mehr ineffizientem Verkehr besteht. Der VCÖ befasst sich intensiv mit Reboundeffekten (Pdf). Das DfT (Pdf) von Großbritannien prognostiziert laut VCÖ eine starke Zunahme der Fahrzeugkilometer. Die Passagiermenge könnte auf unter eine Person fallen. Auch eine EU-Studie von 2017 (Pdf) sieht die Verkehrsauswirkungen der autonomen Fahrzeuge eher skeptisch.

 

Es sieht wenig rosig aus, wenn die Sache nicht in gesellschaftsverträgliche Bahnen gelenkt wird. Selbst Robotaxis erzeugen Rebounds. Das Businessmodell, das User:innen autonomes Fahren schmackhaft machen soll, droht, nicht zu funktionieren. Sogar laut Deloitte enden die Kollegen bei unkontrolliertem im Stau. Da kann frau/man nur auf das passende Entertainment und kuschelige Kabinen hoffen. Oder sie/er gehört zu denjenigen, die die Digitalisierung nicht mitgenommen hat. Die sich daher das Mitfahren einfach nicht können.
Es ist traurig, aber aus Umweltsicht fragt sich, welche Option die bessere ist.

…und Norwegen ist doch ein Traumland

Die vernetzt-mobile könnte Zukunft so schön sein. Das zeigt eine Studie des BEE. Auch in Realität geht einiges, zumindest in den skandinavischen Ländern. Parallel zu E-Autos probiert Norwegen andere Mobilitätsstrategien. Oslo verdrängt Autos konsequent aus der Innenstadt. Die Stadt hat den Parkraum reduziert und drastisch verteuert. Den Griff ins Portemonaie mögen die Innenstadtbesucher:innen nicht und steigen daher auf den ÖPNV um. Der kann sich endlich entfalten, wird ausgebaut und stärker genutzt. Da bedankt sich die Umwelt und die Mehrheit der Bevölkerung ist zufrieden. Was will frau/man mehr?

Let´s discuss!

Es ist genau die richtige Zeit sich mit den vielschichtigen Konsequenzen zu beschäftigen. Das stellt ein schwedisches Paper (Pdf) fest. Es diskukiert ethische und soziale Aspekte. Die sind sehr wichtig und meines Eindrucks nach schon mehr im öffentlichen Fokus. Mein Post möchte helfen, die Diskussionspallette auch die Umweltaspekte verstärkt zu führen. Die Zeit passt.

Die Rebounds der AVs - Foto von zwei Kartoffel v. form:f critical designDie Rebounds der AVs - Foto von drei Kartoffeln v. form:f critical designDie Rebounds der AVs - Foto einer Kartoffel v. form:f critical design

 

„Rebounds“ & Artsworks: yuyun // Lizenz:  CC BY-NC-SA  // Text, Lizenz: CC BY-SA