Drahtesel verdrahten oder: „This bike knows you“

Jetzt kommt wieder eines meiner Lieblingsthemen: E-Bike, Pedelec, Elektrorad. Es geht um die Variante, die gerad überwiegend die Straßen „unsicher“ macht. Die, bei der sich, ohne in die Pedale zu treten, nichts bewegt – eben das Pedelec. In Berlin sind die Gefährte noch nicht wirklich angekommen.

E-Bike: Konzeption eines schwarz-orangenen Unisexpedelecs, by Kerjo, form:f - industrial design

Konzeption & Rendering: Kerjo*  CC BY-NC-SA

Das mag daran liegen, dass sie nicht gerade günstig sind. Ein geklautes Bike ist ein schmerzlicher Verlust. Zudem macht es keinen Spaß, sich ein ø 20-25kg schweres unhandliches Ding über die Schulter zu werfen und in die Wohnung zu schleppen. Das ist auch schmerzlich…für den Rücken.

Praktisch sind sie, die Powerbikes. Wenn die täglichen Strecken mal wieder drohen auszuufern, dann sind sie klasse. Die Vermarktung von sicherem Tracking hat zwar schon einige Gefährte in die Stadt gebracht, aber wirklich viele Radler:innen scheinen sie in Berlin noch nicht zu überzeugen. Und: wer/welche will sich schon dezidiert tracken lassen? Ok, tun wir alle. Trotzdem, muss das Rad das auch noch exzessiv tun? Ich weiß nicht. Bis die Sache preislich, gewichts- und trackingmäßig passt, kann der Kauf warten. Oder bis mein tapferer konventioneller Drahtesel den Heldentod stirbt.

Die Fragen, die mich jetzt beschäftigen, sind: Was geht gerad in der Bike-Industrie? Und: Wie weit ist die Digitalisierung angekommen?

E-Bike: Konzeption eines orangenen Damenpedelecs, by Kerjo, form:f - industrial design

Konzeption & Rendering: Kerjo*  CC BY-NC-SA

Was geht?

Vor allem Pedelecs. Der Platz, den die Fahrradbranche ihnen einräumt, wächst und wächst und wächst – seit 2005 unaufhaltsam. Pedelecs vergrößern den Aktionsradius von Radler:innen und lassen eMTB-Sportler:innenherzen höher schlagen. Händler sind begeistert. Sie verdienen trotz sinkender Stückzahlen jedes Jahr mehr. Innerhalb von nur acht Jahren stieg der durchschnittliche Fahrzeugpreis von 446€ auf 698€. Unaufgeregt verbauen Fahrradhersteller Antriebe in die guten alten Drahtesel und blicken dank ihrer erweiterten Produktpalette entspannt in die Zukunft (Pdf). Einige nehmen den Trend richtig ernst und schmeißen konventionelle Räder kurzerhand komplett aus dem Programm. Zusätzlich mutieren ehemalige Motorradgrößen zu Pedeleclabels.

Pedelecs endlich Alltagsgefährte

Die neue MiD-Studie des BMVI zeigt es schwarz auf weiß: Die Rückenwind-Velos rollern langsam aus der Nische des Silberrücken-Mobils raus und nehmen Fahrt auf für ihren Siegeszug in die Alltagsmobilität (Pdf). Sogar die durchschnittliche Strecke, die per Rad zurückgelegt wird, verlängert sich. Die harte Arbeit von Pionieren wie ExtraEnergy trägt endlich Früchte.

E-Bike: Konzeption eines grünen Unisexpedelecs, by Kerjo // form:f - industrial design

Konzeption & Rendering: Kerjo*  CC BY-NC-SA

e-Bike-Leitmesse: Eurobike 2019

Diesen Trend spiegelte die Eurobike 2019 deutlich wider. Bei meinem Besuch beschlich mich der Eindruck, dass das unmotorisierte Fahrrad quasi tot ist; dass es realistischer ist, die Messe als die „globale Leitmesse für das e-Bike Business“ zu bezeichnen. Auch ohne den Hype erlebt die Messe Verschiebungen, allerdings eher negative: Der Onlinehandel macht ihr zu schaffen. Branchengrößen bleiben weg. Inhouse-Messen sind für sie effektiver. Sie mutiert von einer Händler- zur Industriemesse  – dank Pedelecs. Was Insider:innen schon in den Nullerjahren klar war, kam spätestens 2013 bei den User:innen an, 2017 sogar bei der Industrie. Pedelecs sind das neue Fahrrad. Sie bescheren einer Branche einen anhaltenden Boom (Pdf), die ohne die Powerpakete deutlich schwächer dagestanden hätte. Faszinierend ist: die Branche präsentiert sich nach wie vor gern als hemdsärmelige Bastler!community. Und das, obwohl sich Player aus der Automotivebranche ihren Teil von Kuchen abschneiden und digitale Newcomer ihn zusätzlich lecker finden.

Konzeption eines weißen Damenpedelecs, by Kerjo // form:f - industrial design

Konzeption & Rendering: Kerjo*  CC BY-NC-SA

eine Branche algorithmisiert sich

Bei der vorgelagerten „Bike BIZ Revolution“ tummelten sich denn auch die Digitalen. Die Konferenz vermittelte den Eindruck, die Branche digitalisiere sich wie viele andere Industrien in Turbogeschwindigkeit. Der Schein trügte allerdings. Nur zwei Fahrradhersteller nahmen teil. Da fragt sich: Was ist los? Stellt sich die Realität anders dar? Vielleicht eher so: Die Branche wartet ab und lässt sich von den Digitalplayern ins Zeitalter der Bits & Bytes rübertragen? Zu ihrem Verkaufsschlager Pedelec ist sie immerhin ähnlich gekommen.

Kollage: Slide eines Vortrages kombniert mit einem KinderbildGanz verschlafen ist die Branche natürlich nicht. Rose Bikes hat die Digitalisierung entdeckt und klinkt sich begeistert in die Verheißung von Big Business durch Algorithmen ein. Der zum Hersteller mutierte Händler verwandelt seine Kund:innen in 360°-Beobachtungsobjekte, mit deren Datenspuren sich prima Geld verdienen lässt. Newcomer entwickeln Navgationsapps und finanzieren sich durch den Verkauf von Userdaten – gelagert bei AWS. StartUps wie Cowboy entwickeln Bikes, die „Dich kennen“ – für mich etwas spooky, für die Community begeisternd. Brose – die automotivetrainierten -, die weniger das Rad selbst als der Antrieb interessiert, die digitalisieren ihre gesamte Servicekette mit Hilfe von Plattformen wie Salesforce. Zubehörmäßig gibt`s es ein Meer von digitalisierten Gadgets.

Brose Servicetool, gepatchte FotosDie Dimension der Connected Mobility findet vor allem als Businesscase statt. Strategisch darüber nachdenken, wo man/frau eigentlich mit der ganzen Connectivity hin möchte? Lieber erst mal machen. Prozesse automatisieren, Daten sammeln, säubern und summieren – die digitalen Spielfelder kennen lernen und mal schauen, wohin die Businessideen führen. Das ist die aktuelle Situation der Szene.

E-Bike: Konzeption eines weißen Unisexpedelecs, by Kerjo // form:f - industrial design

Konzeption & Rendering: Kerjo*  CC BY-NC-SA

Der Platzhirsch

Zurück zu den Fahrzeugen selbst: Der Pedelecmarkt ist zur Zeit in der Phase der großen Player. Bei den Antrieben ist Bosch der unangefochtene Platzhirsch. Schon 2015 lag der Marktanteil des Global Players bei 40%. Da verbauten ca. 50 Hersteller den Kit, inzwischen sind es scheinbar ca. 70. Der Hirsch röhrt also.
Während andere Automotive-Zulieferer die Fahrradbranche eilig verlassen, um dem Ruf ihrer Mutterindustrie zu folgen, diktiert Bosch hier das Geschäft. Die neueste Studie von ExtraEnergy belegt: wegzudenken ist „der zweite Mann“ aus der Branche auch in Zukunft nicht. Im Gegenteil, hier ist er der Marionettist – und hält die Fäden sicher in der Hand.

Die Wolke von Bosch

Bosch arbeitet schon lange an seiner Strategie für die digitale Welt. So führte der Konzern vergleichsweise früh (2014) einen Bordcomputer für die eFlitzer ein – samt passendem Online-Portal. Das stellt(e) per default sämtliche Daten in die Cloud.
Die hängt in der Nähe von Stuttgart, also gar nicht weit weg. Das ist auch gut so, denn es sind viele Daten, die dort landen. Neben Infos zum aktuellen Zustand des Antriebskits, werden „persönliche“ Daten gleich mit einsortiert: Strecken, Geschwindigkeiten, körperliche Leistungsdaten – alles was User:innen dem Gefährt eben so mitteilen. Ob die weiter verwendet werden? Keine Ahnung; wenn dann hoffentlich anonymisiert. Bosch plant ein eigenes KI-Zentrum. Dort sind Trainingsdaten vermutlich nicht unwillkommen.

Konzeption eines grünen Damenpedelecs, by Kerjo // form:f - industrial design

Konzeption & Rendering: Kerjo*  CC BY-NC-SA

Letztlich ist Bosch der Normalfall. Daten landen meist per default auf den Herstellerservern. Schon der Fahrzeugservice macht den Transfer nützlich. Die Fragen sind nur: wer verwaltet die Server, und wo stehen sie? Außerdem: in wie fern sind User:innendaten notwendig? Und welche?

Cobi und Hacks?

Neben einem guten Bordcomputer, gibt es beim Platzhirschen jetzt auch Cobi. Das von gleichnamigen StartUp entwickelte System integriert die ganze Welt der Smartphone-Kommunikation inklusive Beleuchtung ins E-Bike. Neben der Bosch-Cloud hängen deshalb auch andere Clouds über dem Gefährt: Apple, Google etc.. Die Integration diversester Dienste ist damit geglückt, weswegen der Konzern das gebeutelte StartUp freudig komplett unter seine Fittiche genommen hat. Ganz dem Plan des Seriengründers und seines Teams entsprechend.
Seinen Mitbewerber:innen im digitalen Bereich macht der Konzern das Leben schwer, so gut es geht. Die Software ist bestmöglich zugeschraubt. Lieber vergibt man Lizenzen. Das ist nachvollziehbar. Hacks des Systems scheinen trotzdem kein Hexenwerk zu sein. So geht jedenfalls das Gerücht.

E-Bike: Konzeption eines gold-kupfernen Unisexpedelecs, by Kerjo // form:f - industrial design

Konzeption & Rendering: Kerjo*  CC BY-NC-SA

Bosch und der Rahmenbau

Neben Kommunikations- bietet Bosch mit einem ABS und einer Lock-Funktion inzwischen auch Sicherheitsfeatures. Und expandiert dynamisch in den Bike-Part-Markt. Das Joint Venture mit Magura macht’s möglich. Den Rahmenbau übernimmt der Konzern leider (noch?) nicht. Für den müssen Fahrradhersteller nach wie vor selbst sorgen.

businessgetriebenes Einheitsmodell: Mittelmoter & Batterie im Unterrohr

Durch die Hintertür hat sich der Einheitsrahmen eingeschlichen – natürlich nicht aus Sozialismus- vielmehr aus Businessgründen. Gestalterisch ähneln sich die Ergebnisse frappierend. Hipp ist gerade der Mittelmotor – einen anderen hat Bosch nicht im Angebot – und Batterien im Unterrohr. Zum Glück gibt es unterschiedliches Firmenbranding, sonst wäre es schwer, die Hersteller zu unterscheiden. Letztlich ist das aber nicht schlachtentscheidend. Die meisten User:innen halten die Räder sowieso für „Bosch“-Bikes.
Zur Ehrenrettung des Konzerns muss gesagt sein: das Einheitsmodell ist mitnichten seine Schuld. Die visionslose Hemdsärmeligkeit dieser sehr pragmatischen Branche ist der ausschlaggebende Moment. Die Hersteller sind ohnehin gewöhnt, dass kein:e User:in die Marke ihres/seines Fahrrads kennt – Nerds natürlich ausgenommen. Bei Pedelecs könnte es so bleiben.

Konzeption eines schwarzen Unisexpedelecs, by Kerjo // form:f - industrial design

Konzeption & Rendering: Kerjo*  CC BY-NC-SA

*Die E-Bike-Konzeption und die Renderings können für unkommerzielle Zwecke frei genutzt und weiterentwickelt werden. Natürlich freue ich mich über Namensnennung. Bei Fragen zu Details kann ich gern weiterhelfen.

 

Fotos + Kollagen: yuyun // Lizenz: CC BY-SA

Lizenz, Text: CC BY-SA

Category: Daten, digital.bike.23, Digitalisierung, E-Bike, Market, Open Source, Pedelec

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Comments

  1. Traumflug sagt:

    Habe gerade den Vortrag auf dem 36C3 gesehen, vielen Dank dafür.

    Allerdings ist mir da auch ein dickes UFF! entfahren. Wenn man ein Open-Source-, bzw. Open-Hardware-Projekt haben will, muss man nicht stundenlang über die Traurigkeiten der Welt und was man tun _müsste_ schwadronieren, sondern es tatsächlich tun. Nichts ist inspirierender als bereits funktionierende Soft- und Hardware.

    In diesem konkreten Fall: statt „Die Bosch-App ist doof“ ein „ich habe eine App entwickelt, die alles Wesentliche kann“. Fluppt mal ein Teil und ist die Sache halbwegs inspirierend, springen andere Leute auf.

    Warum ich das nicht selbst mache? Ganz einfach: bei meinem Fahrrad sehe ich weder Bedarf für eine Vernetzung noch für einen elektrischen Antrieb. Das funktioniert einfach.

    Nichts für ungut.

    • Jo Tiffe sagt:

      Hi Traumflug,

      vielen Dank für Deinen Kommentar + freut mich, dass Du meinen Vortrag gesehen hast. Ich hoffe doch sehr, dass ich nicht nur schwadroniert habe ;), sondern die Situation dargestellt habe. Du hast recht, es ist höchste Zeit zu handeln. Genau deswegen initiiere ich digital.bike.23.
      .

      Aktuell kümmern wir uns gerade um Förderung und anderes für das Projekt. Falls Du Lust hast, es irgendwie zu supporten: sehr gern.

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